Neuzeitliche Zaubersprüche
Mit Wisperzimmer legt Marie T. Martin ihren ersten Band mit Gedichten vor, in denen, so das Statement einer Rezensentin, das Unmögliche möglich werde.
Einige Gedichte von Marie T. Martin gehören nicht nur zu den neuzeitlichen Zaubersprüchen, sondern sie wissen den Leser auf eine Art zu berühren, wie es in der heutigen Lyrik selten der Fall ist. Im Bewusstsein der Vergänglichkeit, auch der Vergänglichkeit des Schönen, gelingen ihr fragile poetische Gebilde: verletzlich, tröstlich und heilsam. Ihre Gedichte wagen den Anruf und Anklang an die Epoche der Romantik und scheuen sich nicht vor einem wahren Pathos, das alle Zeit Kennzeichen großer Dichtung war und ist.
Draußen ein Fetzen Segeltuch
ein gesunkenes Schiff ein großer Brief
im Leuchtfeuerverzeichnis lese ich dein Zeichen
drei kurz drei lang drei kurz ich komme nicht hinaus
über fünf Worte pro Minute der Knackimpuls
hinter der Stirn die Hand schreibt Striche und Punkte
wie kommt das Schiff aus der Flasche an den Horizont
nachts ziehe ich das Laken bis zu den Augen
draußen das Leuchtfeuer drinnen ein Pulsen
Segel überm Auge es treiben die kleinen Stunden
als wäre die Nacht eine Scheibe und man fiele
am Morgen wie die Tasse vom Tisch

Marie T. Martin, geboren 1982 in Freiburg, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und absolvierte eine Ausbildung zur Theaterpädagogin. Sie lebt in Köln. 2007 erhielt sie den Förderpreis des MDR-Literaturwettbewerbs und 2008 das Rolf-
Dieter-Brinkmann-Stipendium. 2010 war sie Stipendiatin der Stadt Köln in Istanbul. Nach ihrem Erzählband Luftpost (poetenladen 2011) erscheint mit Wisperzimmer ihr Lyrikdebüt.
Stimmen
»Ruhig und reflektierend, das Einfache und die Leichtigkeit suggerierend, stets das Natürliche hofierend und zugleich das Unmögliche ignorierend – so schafft sich Marie T. Martins scheinbar schwerelose Poesie einen luftig-lichten Raum in der neuen deutschen Literatur. ›Unter Zwielichtdecken wachsen Geschichten an Leinen geklammert‹ und Wünsche werden zu traumhaft schönen Bildern.«
Die Rheinpfalz, Tageszeitung | 27.03.2012
»Wisperzimmer ist ein intensives Buch, das den Leser in seinem tiefsten Inneren erwischt und ein Jetzt erzeugt, das erlebt werden muss – in vollen Zügen, denn es trägt seine Vergänglichkeit in sich.«
Literatur, Cineastentreff | Gerrit Wustmann | Mai 2012
»Schauen ist wie Singen, befindet Marie T. Martin in ihren flächig wuchernden, sehr gegenwärtigen Gedichten.«
FAZ | Lyrkwettbewerb Meran | Mai 2012
»Marie T. Martins Texte zeugen von einem höchst eigenwilligen, phantasievollen, poetischen und stellenweise sehr humorvollen Zugriff auf die Wirklichkeit und bestechen durch Formenreichtum sowie große Sensibilität und Sicherheit im Umgang mit der Sprache. All dies macht Marie T. Martin zu einer vielversprechenden Stimme in der jungen deutschen Literatur.«
Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium, Jurybegründung