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Editorial
Einstieg trivial: Was ein junger Dichter schreibt, hat so wenig Anrecht auf das Wort jung, wie umgekehrt das Produkt eines nichtjungen Autors mit dem Wort alt abzustempeln wäre. Eine Eigenschaft des Verfassers seinem Text zuzuschreiben, mag nützlich sein, wenn man den Markt im Auge hat, der mit der Illusion des spektakulär Neuen gespeist wird. Literatur wäre damit in die Kategorie schnellverderblicher Ware einzuordnen, die nur taugt, solange sie von Jetzt ist. Aber seien wir fair: Dass die Jungen sich feiern, ist gut und wichtig, um sich ein Quäntchen Aufmerksamkeit im Medienbetrieb zu sichern. Und es ist berechtigt angesichts dessen, was sie schreiben.
Eröffnet wird der poet nr. 6 mit Gedichten von Dagmar Nick, die im selben Jahr geboren wurde wie Ingeborg Bachmann. Ihr folgt Thien Tran, Lyrik-Preisträger beim letzten Open-Mike-Nachwuchswettbewerb. Mit einem Dante-Zyklus von Michael Buselmeier geht das Spiel der Gegensätze weiter, was hoffentlich alle, die auf Jahrgänge schielen, ein bisschen schwindelig macht.
Einblicke in die amerikanische Lyrik verdanken wir den Dichtern und Übersetzern Jan Volker Röhnert, Elmar Schenkel, Rainer G. Schmidt und Ron Winkler. Fruchtbar ist die Kooperation mit den Verlagen Edition Rugerup und luxbooks, in denen wichtige Übersetzungen erscheinen.
Facettenreich auch das, was aus den sechs Gesprächen dieser Ausgabe herauszuhören ist. Autoren, die seit Jahrzehnten im Literaturleben stehen, äußern sich zur literarischen Entwicklung und zur jungen Literatur. „Die Zeiten sind miserabel“, sagt Dagmar Nick. Urs Widmer bringt die Frage nach dem gegenseitigen Interesse auf den Punkt: „Jeder ist mit seiner eigenen Generation beschäftigt.“
Gerhard Zwerenz, nach der täglichen Arbeit am Schreibtisch befragt, erklärt, er schreibe, wie er atme. Dass Literatur sich nicht aus dem täglichen Leben wegdenken lässt, gilt für alle hier versammelten Autoren. Und es gilt – immer noch – für zahlreiche Leser.
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