|
Editorial
Vor zweieinhalb Jahrhunderten erklärte Friedrich Gottlieb Klopstock,
der Poet heiße seit längerem schon Dichter, und grenzte sich damit
vom lateinischen poeta ab. Er war noch keinem der Surf- und Beatpoeten
begegnet und hatte nichts von Internetseiten wie poets.org
oder poetenladen.de gehört. Nicht zuletzt das Netz und die Allgegenwart
des Englischen haben dem Wort zu einer Renaissance
verholfen. Und warum nicht: Es ist schön, einfach und überall verständlich.
Wer will, darf dahinter auch die Freude vermuten, sprachlich
durch Jahrtausende zu surfen, um in der Gegenwart anzukommen.
Der poet nr. 4 bietet in schon bewährter Weise Texte junger
Autoren und etablierter Literaten, diesmal in einem weit gespannten
Bogen von den USA über Schottland bis zu den jungen Dichtern
in Berlin, München, Wien und der Schweiz. Leipzig ist insofern vertreten
als das Deutsche Literaturinstitut neben vergleichbaren Einrichtungen
in anderen Städten einen Brennpunkt junger Literatur
bildet. Gerade erst gingen zwei DLL-Autorinnen mit Preisen aus dem
Open-Mike-Wettbewerb in Berlin hervor und lassen keinen Zweifel
an der wachsenden Rolle der Literaturschulen.
Eva Demski kritisiert im Gesprächsteil dieses Heftes die so genannte Wettbewerbsprosa, die nicht sehr wagemutig sei, sondern ein Genre mit Autoren ohne eigene Biografie. An Kafka und Benn erinnernd, sieht sie Schriftsteller mit Brotberuf im Vorteil, da sie sich größere Unabhängigkeit bewahren können. Für Kurt Drawert besteht trotz aller Skepsis gegenüber dem flüchtigen Medium Internet die Chance, dass gute Literaturseiten zum Blick in die Originale verführen. Dem Lyriker Ron Winkler dient das Netz als „Boulevard und Unterhaltungsdusche, Anzapfraum und Elektroenzephalograph. Es ist immer da.“ Es sei denn, man drückt den Knopf, um ein Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen.
|