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Grashüpfer
Aus: Im Eisluftballon


Ich habe große Angst vor Grashüpfern.
  Ich denke andauernd an Grashüpfer und habe große Angst, und die Mutter will es nicht verstehen, kann es nicht verstehen und sagt: Grashüpfer, sagt sie, Mensch, stell dich nicht so an. Die haben doch mehr Angst vor dir, sagt sie noch. Dann aber glaube ich ihr kein Wort mehr, denn zufällig weiß ich, dass Grashüpfer überhaupt vor niemandem Angst haben.
 Besonders in der Nacht fürchte ich mich sehr, weil ich weiß, dass alle bereits schlafen und die Mutter sehr ärgerlich wäre, würde ich sie wecken und bitten, einen Grashüpfer zu entfernen. Dem Vater würde es wohl endgültig reichen, wahrscheinlich würde er sagen: Nun reicht es mir aber wohl endgültig. Und dann stünde ich schön dumm da, weil ich in mein dunkles Zimmer zurückgehen und mich zwischen all die Grashüpfer legen müsste, und wahrscheinlich würden sie noch anfangen zu zirpen.
 Wenn ich von den Grashüpfern erzählen will, wie sie von grellem Grün sind und kleine schwarze Augen haben, die einen ge­mein anschauen, sagt die Mutter: Denk mal an die Sarah. Die hat wirkliche Probleme. Ich denke dann mal an die Sarah und an die wirklichen Probleme, die sie hat, und muss der Mutter Recht geben, solche wirklichen Probleme wie die Sarah habe ich tatsächlich nicht. Aber wer hat schon solche wirklichen Probleme? Sogar die Sarah hat sie erst seit kurzer Zeit, seit ihr Vater gestorben ist, hat sie solche wirklichen Probleme. Seitdem sagt die Mutter häufig: Die Sarah ohne Vater und du mit deinen Grashüpfern, verrückt werden kann man da. Mensch.

Ich habe überhaupt erst einmal einen echten Grashüpfer gesehen. Den Rest der Zeit stelle ich sie mir bloß vor. Das eine Mal, als ich einen Grashüpfer gesehen habe, da waren wir bei Sarahs Eltern zu Besuch. Oder eher bei Sarahs Mutter. Zwar waren wir losgegangen, Sarahs Eltern zu besuchen, doch als wir ankamen, war nur noch Sarahs Mutter da und Sarahs Vater tot, und darum weinte die Mutter und hielt sich ein durchgeweichtes Taschentuch vors Gesicht, und ich wollte ihr ein unbenutztes geben, aber die Mutter sagte: Nein, lass das. Und: Lieber nicht. Sarah saß bloß in der Ecke und sagte nichts, aber das fiel nicht weiter auf, denn ihre Mutter sprach die ganze Zeit und wollte uns die Geschichte von dem Unfall erzählen, nur konnten wir sie nicht verstehen und uns keinen Reim machen auf das, was sie da erzählte oder erzählen wollte. Sie sagte dann immer wieder etwas vor sich hin, was ich zuerst auch nicht verstand, dann aber doch: Das gibt’s nicht, dass so etwas passiert, sagte sie. Das gibt es doch nicht, dass jetzt alles so ist.
  Wir saßen alle im Garten und hörten genau zu, und die Mutter hatte wohl gehofft, dass ich etwas Nettes zu Sarah sagen würde oder mit ihr Federball spielen ginge. Das funktionierte allerdings nicht, weil ich mich überhaupt nicht konzentrieren konnte. Hinter Sarah nämlich saß dieser Grashüpfer. Bisher hat­te ich noch nie über Grashüpfer nachgedacht und wie sie einem überall auflauern und einen so plötzlich anspringen können. Aber dann saß er da, auf der Lehne ihres Stuhls, und schaute uns alle so böse an. Seine Augen waren dunkel gesprenkelt und fast so groß wie der Kopf, und der Körper von ätzendem, grellem Grün. Grashüpfer sind bekannt dafür, sehr schnell von einem Ort zum anderen hüpfen zu können, ohne Vorwarnung, dann sind sie auf einem und krabbeln den ganzen Körper entlang und machen dieses Zirpgeräusch, und versehentlich könnte man sie schlucken. Darüber musste ich auf einmal ausführlich nachdenken und bekam eine Gänsehaut und biss ganz fest die Zähne zu­sammen und presste auch die Lippen zusammen, damit mir der Gras­hüpfer wenigstens nicht in den Mund hüpfen könnte.
  Was sollen wir denn jetzt machen?, fragte Sarahs Mutter uns dann alle. Ich dachte, die Mutter würde etwas sagen, etwas erklären, aber sie sagte gar nichts, und da verstand ich, dass alles anders war jetzt, dass sich etwas geändert hatte und nichts mehr sein würde wie vorher, und ich hielt mich an meinem Stuhl fest, an meinem weißen Stuhl, und aus den Augenwinkeln sah ich den Grashüpfer, den Grashüpfer auf Sarahs Lehne, neben Sarahs Kopf, und ich dachte, hoffentlich springt er nicht, ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn er springt. Bitte, bitte spring nicht, dachte ich.

Katharina Hartwell | Im Eisluftballon   Katharina Hartwell
Erzählungen
poetenladen, Leipzig 2011
144 Seiten | 16.80 Euro
gebundene Ausgabe
ISBN 978-3-940691-22-4

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